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Wald-, Wiesen- und Lastenradler. Kassel.

Experiment 150 – Klappe die zweite

Nachdem mein erster Versuch, nach Weimar zu fahren, letztes Jahr am Erfurter Hauptbahnhof endete, hatte ich jetzt die Gelegenheit, es noch einmal zu versuchen. Diesmal hat es mit mehr Asphalt, weniger Höhenmetern und frühem Aufstehen geklappt. Es war kein Spaziergang, aber ein echtes Erlebnis.

Als Startpunkt habe ich diesmal Rotenburg a. d. Fulda gewählt. Von aus lagen weniger Berge auf dem Weg und ich konnte eine Freundin im Zug auf dem Weg zur Arbeit begleiten. Los ging es dann gegen Acht. Ich schlängelte mich durch fleißige Menschen auf dem Schul- und Arbeitsweg und über den Rummel zum Fuldaradweg. Bis Bebra hatte ich schon zwei Abzweigungen verpasst. An Bebra vorbei grüßte direkt Radinfrastruktur aus der Vorhölle. Ein benutzungspflichtiger Geh- und Radweg auf der linken Seite zu dem man nicht hinkommt. An der nächsten Einmündung steht man dreimal an der Ampel und wenn das Elende ein Ende findet, kommt man nicht mehr sicher auf die rechte Fahrbahnseite. Zum Glück nur eine kurze Episode.

Die nächsten Kilometer ging es auf dem R15 weiter. Sogar bis nach Thüringen, ohne dass ich es gemerkt habe. Und unbemerkt wieder zurück nach Hessen. Erst als ich zum dritten Mal die ehemalige deutsch-deutsche Grenze überquerte, nahm ich es wahr. Ein Stück auf dem Werratal-Radweg, bei Berka über den Fluss und auf bekanntes Terrain. Denn die folgenden Kilometer war ich schon vor zwei Jahren auf unserer Familienradtour gefahren. Nun mit dem leichten Gravelbike unterwegs, freute ich mich auf das idyllische Stück Werra-Suhltal-Radweg hinter Herda und hatte meinen Pausenplatz schon im Visier. Da man aus Fehlern lernt, nutzte ich in Berka die letzte Verpflegungsmöglichkeit vor meinem Wunschrastplatz. Frisches Wasser wollte ich nach meiner Pause am Friedhof in Oberellen tanken. Dieser sollte am Ortseingang ganz in der Nähe meiner Route liegen. Am Ortsausgang fragte ich mich dann, ob dies wohl das gesuchte Oberellen war? Friedhof verpasst. Aber passenderweise saß ein freundlicher Mann vor dem Sportheim und machte Pause. Drinnen war alles schwarz-rot-gold geschmückt, die Leinwand für das EM-Viertelfinale am Abend stand bereit und ich konnte meine Flaschen auffüllen. Das war auch gut so, denn bis Eisenach stand mir der wohl anspruchsvollste Streckenabschnitt bevor.

Kurz nach dem Sportplatz begann es sehr idyllisch. Auf einem Schotterweg ging es zwischen Wiesen ein kleines Tal hinauf. Die Sonne schien und vor mir flatterten Schmetterlinge. Doch plötzlich war es vorbei mit dem Schotterweg. Also weiter über die Wiese? Nein, halt. Auf der anderen Seite des Grabens im Wald ist etwas, das aussieht, als wäre es mal ein Weg gewesen… Das mit Abstand größte Problem in dieser Situation waren die Erinnerungen und die damit verbundenen Ängste an meinen 150-km-Versuch im vergangenen Jahr. Wertvolle Körner verbraucht, während ich mich sinnlos durchs Unterholz kämpfe und am Ende doch umkehren muss. Diesmal führte mich der Weg durch den Wald glücklicherweise wieder zurück auf die Wiese. Dort bin ich dann doch den Fahrzeugspuren im Gras gefolgt. Doch hinter der nächsten Ecke war wieder kein Weg in Sicht. Alternativen waren rar, also wieder über die Wiese, bis tatsächlich ein Weg auftauchte. Die Freude währte bis zum Waldrand, denn dann begann das Schieben durch völlig aufgeweichten Schlamm. Der Schlamm hatte ein Ende und ich musste nur noch ein Stück durch hohes Gras schieben, bis endlich wieder Schotter auftauchte. Im Nachhinein war es gar nicht so schlimm. Aber währenddessen saß mir die Angst im Nacken, dass es irgendwann nicht mehr weitergeht. Dass ich alles wieder zurückfahren muss und dass mich das die Kraft kosten könnte, die ich für die restlichen Kilometer brauche.

An der nächsten großen Kreuzung führte der Track wieder auf die unsympathischste aller Möglichkeiten. Und hinter der Kurve: Matschpampe. Als auch das vorbei war, ersparte ich mir den nächsten zugewachsenen Weg, denn die Schotterpiste, auf die ich hätte abbiegen können, war schon in Sicht. Schuld an diesem Intermezzo waren wohl fehlerhafte und unvollständige OpenStreetMap-Daten. Habe ich natürlich schon korrigiert. Kurz darauf kreuzte ich den Rennsteig und auch den Rennsteig-Radweg und dann ging es endlich auf die Abfahrt nach Eisenach. Zumindest bis es am Lenker rot blinkte und piepte. Aber wo sollte ich abbiegen? In dieses matschige, steile Loch im Brennnesselfeld? Genau! Ich suchte kurz und nach etwa 100 Metern wurde es besser. Und dann wurde es wunderschön. Ein Schotterweg schlängelte sich durch einen lichten Eichenwald den Bergkamm entlang. Sagte ich schon, dass es wunderschön war?

Als ich nach all diesen Naturerfahrungen in Richtung Eisenach hinunter rollte, blitze plötzlich der Turm des Opel-Werks durch die Bäume. Da war sie wieder, die Zivilisation. Ich bog wieder auf den Asphalt ein und sah gleich in einiger Entfernung ein paar Taschen, die mir bekannt vorkamen. Es war ein Radfahrer, den ich schon an der Werra überholt hatte und der in Richtung Dresden unterwegs war. Die Durchfahrt durch Eisenach war deutlich angenehmer als die Strecke vor drei Jahren. Entlang der Hörsel und teilweise sogar auf einer Fahrradstraße.

Nach Eisenach erwartete mich wieder ein Anstieg und die kleinen Messer-Gabel-Symbole auf den Radwegweisern führten mich glücklicherweise zum Flugplatz Eisenach-Kindel. Dort wurde meine Frage, was es denn gäbe, zunächst mit Schnitzel und Nudeln mit Tomatensoße beantwortet. Aber in der Tomatensauce ist Wurst. Ich sah meine Skepsis gegenüber der Thüringer Gastronomie bestätigt und wollte dem indischen Gemüsecurry als dritte Option zunächst nicht so recht trauen. Die positive Überraschung: Es schmeckte tatsächlich. Dazu ein Blick bis zur Wartburg und ein Flugzeugkino direkt vor der Nase. Und als ich schon wieder aufbrechen wollte, kam noch jemand zum Mittagessen vorbei: der Rettungshubschrauber.

Frisch gestärkt und fast die Hälfte geschafft ging es weiter. Zuerst noch etwas holprig über sozialistischen Beton, aber schon bald führte ein kleiner, feiner Pfad hinunter nach Haina. Nach Bienstädt ging es noch einmal landschaftlich reizvoll über den Berg und bei der Abfahrt gab es eine tolle Aussicht dazu. Leider gingen mir auf dem Weg über den Berg etwas die Puste und die Gummibärchen aus. Denn in den Dörfern war die Versorgungslage mäßig. Kein Bäcker, kein Supermarkt. Nach einem Blick in die Karten entschied ich mich, in Erfurt einen kleinen Umweg zu machen. Am Moskauer Platz wollte ich für die letzten Kilometer noch einmal auftanken. Der Weg aus Erfurt heraus war leider keine Sternstunde der Radinfrastruktur, aber endlich weg von der großen Straße gab es noch einmal eine prima Schotterpiste für den Endspurt. Bis zum Ende dauerte es aber noch ein wenig und mit Spurt war nicht mehr viel. Aber ich kämpfte mich durch und war irgendwann im Ziel. Von den vielen Eindrücken war mein Kopf mindestens so platt wie mein Körper.